Wenn der halbe Berg ruft. Burgenländerin allein auf der Alm.

08 September 2026
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Ich habe ein Bergtrauma.

Als Steppenbewohnerin - ja vor kurzem bin ich nach jahrzehntelangem Exil in der

Bundeshauptstadt zurückgekehrt in die heimatliche Savanne des Nordens, den

burgenländischen Seewinkel - liegt mir das Bewegen in den Bergen nicht wirklich im Blut.

Meine Eltern waren keine Skifahrer, Wanderer erst in ihren späten Jahren, und so kam es, dass

sich mir die Berge nie so recht erschließen wollten. Als Jugendliche und junge Erwachsene machte

ich halbherzige Versuche auf der Skipiste, und der Gym-Klassenvorstand aus Bad Goisern, den

man seiner Fiesheit nach zu schließen, ins Nordburgenland strafversetzt haben musste, und der

uns aus Rache dafür jeden verdammten Wandertag in aller Herrgottsfrühe in einen Bus pferchte

und im Höllentempo mit Zeit-Weg-Diagramm auf den nächstgelegenen Berg hinauf und wieder

runter scheuchte - Stichwort langer Anfahrtsweg - hatten zwangsläufig zu keinem alpinen

Naheverhältnis meinerseits geführt.

Nun begab es sich aber, dass von Bad Hofgastein aus eine Gondelbahn sanft den Gipfeln

entgegenschwebt, bei deren Anblick ich seit Jahren fast eine Art innere Verpflichtung verspüre,

sie zumindest einmal auszuprobieren.

Diesmal werde ich schwach.

Gegen Mittag stapfe ich ohne neonprenige Wandertextilien zum Ticketschalter der

Schlossalmbahn und stehe prompt vor der ersten schwierigen Entscheidung des Tages: „Bis

ganz auffi?“, werde ich im charmantem Eingeborenendeutsch gefragt. „Puh – was heißt denn das?

Wie lange braucht man denn da zum Runtergehen?“, möchte ich wissen. „Najo – dreiahoib Stund

wean S‘ scho brauchen“, erfahre ich. „Dreieinhalb Stunden? Nein, ich glaube, für

Burgenländerinnen reicht der halbe Berg. Bitte bis zur Mittelstation.“, sage ich. „Des

hom S‘ hiatz owa liab gsogt – für Burgenländerinnen!“, kichert es mir mit dem ausgedruckten

Ticket entgegen.

Ich verabschiede mich und begebe mich ein Stockwerk höher zur Abfahrtstrasse. Niemand ist da

außer mir. Kein kerniger Bergfex setzt mich mit einem müden, aber letztlich nervenberuhigenden

Spruch, in die Gondel.

Alles geht elektrisch, automatisiert wie das heutzutage heißt.

Kein Mensch weit und breit. Keiner fährt rauf, keiner fährt runter. Mir ist entrisch zumute. Die

Gondel schaukelt mit offener Tür daher, ich steige schwitzend ein und setze mich auf die Bank.

Muss ich irgendwo drücken oder geht die Tür hoffentlich von alleine wieder zu? Oh Gott – was,

wenn sich die Tür nicht schließt?

Noch bevor ich mich weiter fürchten kann, geht die Tür zu und die Gondel nimmt Fahrt

auf. Mit einem Ruck schweben wir über den Baumwipfeln dem Himmel entgegen als mir plötzlich

einfällt, dass ich Höhenangst habe. Das hatte ich erfolgreich ausgeblendet. Mein Puls beschleunigt

ebenso wie die Seilbahn, mein Hirn stellt vage Berechnungen an, ob die Fahrthöhe bei einem

möglichen Absturz ausreicht, dass ich gleich tot bin. Mir wird schwindelig. Bei der menschenleeren

Mittelstation steige ich mit zittrigen Knien aus und gehe schnurstracks aufs Klo. Seifenduft dringt

in mein neuronales System und besagt: beruhige dich, du bist in Sicherheit. Ich atme ein,

ich atme aus und möchte eigentlich nur eines: so schnell wie möglich runter von diesem Berg,

auch wenn es nur ein halber ist. Wieder draußen schlage ich den kürzesten Weg ins Tal ein, da

halte ich inne und atme tief durch. Mo-ment! Wo du schon einmal so weit gekommen bist, kannst

du dir ja zumindest die umliegende, laut Wanderführer als eben beschriebene Umgebung

anschauen. Ich überrede mich ein paar Sekunden selbst und beschließe dann, zur angeblich nur

30 Minuten entfernten Fundneralm zu wandern. Das scheint mir im Bereich des Möglichen zu

liegen.

Schnell wird mir klar: was dem Bergbewohner eine Ebene, ist der Ebenenbewohnerin zumindest

eine Anhöhe – will sagen, es geht weiter bergauf. Ok. Da sind aber auch Schilder, die vor

Weidevieh und Mutterkühen warnen und ein atemberaubender Blick auf hohe Gipfel und Almen, die

mich gleich wieder schwindelig machen. Langsam und konzentriert und mit der einen oder anderen

Pause navigiere ich mich selbst weiter in Richtung Fundneralm. Beruhigenderweise kommen mir

andere Wanderer entgegen.

So falsch kann ich also nicht sein. Und tatsächlich. Nach einer Weile schiebt sich die Almhütte in

mein Blickfeld. Fast schon beschwingt schreite ich auf sie zu und lasse mich alsbald auf einem

sonnengewärmten Holzbankerl vor der Hütte nieder. Käsebrot und warmer Bauernkrapfen mit

Preiselbeeren munden hervorragend, schließlich bin ich ja schon über 30 Minuten gewandert. Der

ältere Wiener vom Nebentisch erzählt dem Wirten mit zartböhmischem Zungenschlag, dass er

früher oben im Gletschersee nackert baden war. „Ois Mann samma eine und ois Frau samma auße

kumman“.

Gestärkt und heiter trete ich den Rückweg an

und komme nach eineinhalb Stunden mit zittrigen Knien, diesmal vom vielen Abbremsen, in Bad

Hofgastein an. Das Nachtmahl schmeckt exzellent, und der Muskelkater im Hintern und in den

Wadeln hält noch gute zwei Tage an. Ich bin erstaunt, wie lange man von so einem halben Berg

etwas hat. Wer weiß, vielleicht gehe ich beim nächsten Mal sogar aufs Ganze.

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