Wenn der halbe Berg ruft. Burgenländerin allein auf der Alm.

Ich habe ein Bergtrauma.
Als Steppenbewohnerin - ja vor kurzem bin ich nach jahrzehntelangem Exil in der
Bundeshauptstadt zurückgekehrt in die heimatliche Savanne des Nordens, den
burgenländischen Seewinkel - liegt mir das Bewegen in den Bergen nicht wirklich im Blut.
Meine Eltern waren keine Skifahrer, Wanderer erst in ihren späten Jahren, und so kam es, dass
sich mir die Berge nie so recht erschließen wollten. Als Jugendliche und junge Erwachsene machte
ich halbherzige Versuche auf der Skipiste, und der Gym-Klassenvorstand aus Bad Goisern, den
man seiner Fiesheit nach zu schließen, ins Nordburgenland strafversetzt haben musste, und der
uns aus Rache dafür jeden verdammten Wandertag in aller Herrgottsfrühe in einen Bus pferchte
und im Höllentempo mit Zeit-Weg-Diagramm auf den nächstgelegenen Berg hinauf und wieder
runter scheuchte - Stichwort langer Anfahrtsweg - hatten zwangsläufig zu keinem alpinen
Naheverhältnis meinerseits geführt.
Nun begab es sich aber, dass von Bad Hofgastein aus eine Gondelbahn sanft den Gipfeln
entgegenschwebt, bei deren Anblick ich seit Jahren fast eine Art innere Verpflichtung verspüre,
sie zumindest einmal auszuprobieren.
Diesmal werde ich schwach.
Gegen Mittag stapfe ich ohne neonprenige Wandertextilien zum Ticketschalter der
Schlossalmbahn und stehe prompt vor der ersten schwierigen Entscheidung des Tages: „Bis
ganz auffi?“, werde ich im charmantem Eingeborenendeutsch gefragt. „Puh – was heißt denn das?
Wie lange braucht man denn da zum Runtergehen?“, möchte ich wissen. „Najo – dreiahoib Stund
wean S‘ scho brauchen“, erfahre ich. „Dreieinhalb Stunden? Nein, ich glaube, für
Burgenländerinnen reicht der halbe Berg. Bitte bis zur Mittelstation.“, sage ich. „Des
hom S‘ hiatz owa liab gsogt – für Burgenländerinnen!“, kichert es mir mit dem ausgedruckten
Ticket entgegen.
Ich verabschiede mich und begebe mich ein Stockwerk höher zur Abfahrtstrasse. Niemand ist da
außer mir. Kein kerniger Bergfex setzt mich mit einem müden, aber letztlich nervenberuhigenden
Spruch, in die Gondel.
Alles geht elektrisch, automatisiert wie das heutzutage heißt.
Kein Mensch weit und breit. Keiner fährt rauf, keiner fährt runter. Mir ist entrisch zumute. Die
Gondel schaukelt mit offener Tür daher, ich steige schwitzend ein und setze mich auf die Bank.
Muss ich irgendwo drücken oder geht die Tür hoffentlich von alleine wieder zu? Oh Gott – was,
wenn sich die Tür nicht schließt?
Noch bevor ich mich weiter fürchten kann, geht die Tür zu und die Gondel nimmt Fahrt
auf. Mit einem Ruck schweben wir über den Baumwipfeln dem Himmel entgegen als mir plötzlich
einfällt, dass ich Höhenangst habe. Das hatte ich erfolgreich ausgeblendet. Mein Puls beschleunigt
ebenso wie die Seilbahn, mein Hirn stellt vage Berechnungen an, ob die Fahrthöhe bei einem
möglichen Absturz ausreicht, dass ich gleich tot bin. Mir wird schwindelig. Bei der menschenleeren
Mittelstation steige ich mit zittrigen Knien aus und gehe schnurstracks aufs Klo. Seifenduft dringt
in mein neuronales System und besagt: beruhige dich, du bist in Sicherheit. Ich atme ein,
ich atme aus und möchte eigentlich nur eines: so schnell wie möglich runter von diesem Berg,
auch wenn es nur ein halber ist. Wieder draußen schlage ich den kürzesten Weg ins Tal ein, da
halte ich inne und atme tief durch. Mo-ment! Wo du schon einmal so weit gekommen bist, kannst
du dir ja zumindest die umliegende, laut Wanderführer als eben beschriebene Umgebung
anschauen. Ich überrede mich ein paar Sekunden selbst und beschließe dann, zur angeblich nur
30 Minuten entfernten Fundneralm zu wandern. Das scheint mir im Bereich des Möglichen zu
liegen.
Schnell wird mir klar: was dem Bergbewohner eine Ebene, ist der Ebenenbewohnerin zumindest
eine Anhöhe – will sagen, es geht weiter bergauf. Ok. Da sind aber auch Schilder, die vor
Weidevieh und Mutterkühen warnen und ein atemberaubender Blick auf hohe Gipfel und Almen, die
mich gleich wieder schwindelig machen. Langsam und konzentriert und mit der einen oder anderen
Pause navigiere ich mich selbst weiter in Richtung Fundneralm. Beruhigenderweise kommen mir
andere Wanderer entgegen.
So falsch kann ich also nicht sein. Und tatsächlich. Nach einer Weile schiebt sich die Almhütte in
mein Blickfeld. Fast schon beschwingt schreite ich auf sie zu und lasse mich alsbald auf einem
sonnengewärmten Holzbankerl vor der Hütte nieder. Käsebrot und warmer Bauernkrapfen mit
Preiselbeeren munden hervorragend, schließlich bin ich ja schon über 30 Minuten gewandert. Der
ältere Wiener vom Nebentisch erzählt dem Wirten mit zartböhmischem Zungenschlag, dass er
früher oben im Gletschersee nackert baden war. „Ois Mann samma eine und ois Frau samma auße
kumman“.
Gestärkt und heiter trete ich den Rückweg an
und komme nach eineinhalb Stunden mit zittrigen Knien, diesmal vom vielen Abbremsen, in Bad
Hofgastein an. Das Nachtmahl schmeckt exzellent, und der Muskelkater im Hintern und in den
Wadeln hält noch gute zwei Tage an. Ich bin erstaunt, wie lange man von so einem halben Berg
etwas hat. Wer weiß, vielleicht gehe ich beim nächsten Mal sogar aufs Ganze.









